Siddinghausen-Online 
Aus der Chronik:
Der Dreschkasten kommt nach Siddinghausen
Autor: Rudolf Klenke
Vor mehr als 40 Jahren war für die Kinder das Getreidedreschen auf dem Hofe immer wieder ein aufregender Tag. Eine feste Erinnerung an die Menschen ist irgendwie geblieben. Wenn es dann hieß, Fruidag wet fui Maschuinen, war lange zuvor der Termin zum Dreschen mit Lohndreschern ausgemacht. Alle Höfe im Dorf hatten je nach Bedarf mehrfach während des Winters Hafer, Gerste, Roggen oder Weizen zu dreschen. Damit es morgens möglichst früh losgehen konnte, traf das ganze Werks zumeist am Vorabend schon ein. Der Bulldog voran kündigte lautstark in der Dorfstarße das Eintreffen des Dreschkastens an. Wir liefen dem Ungetüm entgegen und wollten erleben, ob die große Maschine mit der angehängten Strohpresse und den Kaffrohrwagen die Hofeinfahrt schaffte. Die großen Jungs sprangen auch irgendwo auf. Zwei Pferde mußten den schweren Dreschkasten auf eine Steigung vorm Deelentor hochziehen und zwar maßgenau, ohne anzuhalten. Ohne die Ackergäule ging es hier nicht, weil nur sie einzeln durch die schmale Tür an der Kopfseite der Deele und weiter duch die Diele des Hauses nach draußen geführt werden konnten. Hier, wie auch in der Scheune. Bevor der Maschinenmeister den Bulldog bestieg, rief er noch: „Blagen got do deune". Bei ihm hielt alles sehr genau. Vor allen Dingen weil jetzt der Bulldog vorwärts zum Kasten gedeht zu stehen kam, wo der lange Lederriemen zum Antrieb auf die Schwungscheibe aufgelegt und mit hüh und hott genau ausgerichtet wurde. Damit der Riemen immer gut stramm blieb, hatte ein Mann schnell den Traktor fest verkeilt. Hinten an der Maschine wurde nun noch die Strohpresse vorgesetzt und eine lange Strohrutsche festgemacht. Später hatte die Dreschmaschine eingebaute Elektromotoren und eine eingebaute Strohpresse.

Es war mit Sicherheit schon dunkel, eine Laterne angezündet bis alles korrekt aufgebaut war. Sicher trank man noch ‘nen Klaren, es wurde gefachsimpelt und aus den Nachbardörfern berichtet. Am nächstem Morgen war der Maschinenmeister als erster in der Scheune. Er lief mit der Ölkanne, prüfte die vielen Riemen und Schüttler und warf dann den Bulldog an. Die Dreschleute riefen: Lott brummen. Zuerst leise, dann unüberhörbar laut brummte der Kasten, bis der Mann oben Garbe auf Garbe offenschnitt und in den Kasten einließ. Von der Banse wurden nun dem Einleger fleißig die Garben zugeworfen. Wurde jedoch das Getreide ungleichmäßig zugeführt, so ging es nur wumm, wumm ind so fort, sogar beim Bulldog fiel die Drehzahl ab. Dreschmeister mußte laut fluchen: Säo goit dat niett Mannsluie, wo er doch jetzt endlich etwas Ruhe haben sollte. Auch gibt’s was hinter die Löffel, wenn wir mit den Nachbarskindern auftauchten und immer dreister herumturnen. Zuerst auf der Banse, dann im Stroh, das über die Rutsche in die leere Banse gepackt wird. Am reizvollsten war der Sackaufzug. Schwere Jutesäcke hievte er den Mann hinter der Maschine aufs Kreuz, der sie dann auf die Kornbühne trug. Zwischendurch fuhren wir per Druck auf einen Hebel hoch und nach einem Ruck sauste die Plattform wieder runter. Für uns war es unglaublich, wie Korn, Stroh und Spreu so sauber getrennt wurden.


Nach einiger Zeit gab es die erste Schnapspause. Ein Klarer half gegen den Staub und das Kratzen im Hals. Beim Kippen der Pinnekens sahen wir in den staubigen Gesichtern oft gerötete Augen und hinter dem Halstuch einen Rand von Schweiß und Staub. Nur der Maschinenmeister trug Stiefelhosen, Gamaschen, Lederschuhe und eine abgearbeitet Lederjacke. Wenn es rattenkalt beim Dreschen war und eine Banse fast leer, banden die Leute die Hosenbeine mit „Packsband" zu und Flocki der Hund wurde herbeigeholt. Unter der letzten Lage Garben hatten sich viele Ratten eingenistet, die mit Hilfe des flinken Hundes und Schlagstöcken gejagt wurden. Dieses erlebten wir schön vorsichtig auf einem etwas höheren Fachwerkbalken sitzend. Bevor das Dreschen beendet wurde, kratzte man um und auf dem Kasten den Rest mit Besen und Schüppe zusammen. Es wurde zuletzt durch den Dreschkasten geschickt und verursachte zum Schluß noch eine Staubwolke, in der die ganze Scheune verschwand.

„Gut gohn, bit duise Dage" Jetzt fuhr er wieder mit dem gleichen Geploter und Gerappel des Gespann wie er gekommen war, vom Hof. Als 1958 auf einem Gerstenfeld nahe am Dorf zum ersten Mal ein Mähdrescher arbeitete, staunten viele Leute über diesen technischen Fortschritt. Einem der älteren Zuschauern konnte es nicht fassen, als er immer wieder rief: „Meggen un Dearsken in oinem, datt giet niet"


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